China: Peking per Rad und der Kampf gegen die Luftverschmutzung

Peking’s Mobilität auf einen Blick
Es gibt zwei hauptsächliche Entwicklungen, die den Verkehr in Peking in den letzten Jahren geprägt haben – und für die meisten anderen größeren Städte in China gilt dasselbe. Erstens: Bevölkerungswachstum; von 10 Millionen in 1990 hat sich die Bevölkerung der Stadt auf 20 Millionen im Jahr 2010 verdoppelt. Zweitens: Privatautos sind in China extrem beliebt – demnach steigt die Anzahl der Autos pro Einwohner. 1997 kam in Peking ein Auto auf 13 Personen, 2008 waren es schon eins pro fünf Einwohner; 2014 gibt es insgesamt 5,59 Millionen Autos (alle Auto bezogenen Daten gemäß „China Daily“ vom 14/15.3.2015).

Mehr Staus und schlechte Luft sind die Folgen. Letztere wird zudem durch die Umweltverschmutzung aus der umliegenden Region Hebei und seiner enormen Kohle-Verbrennung zu Gewinnung von Energie und zur Stahlproduktion beeinflusst (Hebei produziert mehr Stahl als die USA und EU zusammen). Das Level an schädlichen PM2.5 Partikeln in der Luft Pekings sind oft über 300 Mikrogramm pro Kubikmeter, was ziemlich viel ist!

In den drei Tagen meines Aufenthalts waren die Werte ununterbrochen über 200. Viele Menschen verzichten bei diesen Werten auf Aktivitäten im Freien und  während ich mit dem Fahrrad herum fuhr, konnte ich nachempfinden warum. Es ist sehr unangenehm, vor allem wenn man durch körperliche Anstrengung etwas schwerer atmet. Um eine Idee zu bekommen, was diese Zahlen bedeuten, hier ein Vergleich: die EU-Luftqualitätsrichtlinie setzt 25 Mikrogramm pro Kubikmeter als Ziel für europäische Städte; Peking liegt hier viele Tage im Jahr zehnfach darüber.

Nachdem man dieses Thema für lange Zeit vernachlässigt hat, geht die chinesische Regierung inzwischen relativ offen mit dem Problem um. Fast jeder Pekinger hat eine Real Time Smartphone App, die das Level an Luftverschmutzung anzeigt (Ups, wo ich hier sage die Regierung geht offen mit dem Problem um, bemerke ich, dass alle internationalen Artikel, die frühzeitigen Tod durch Luftverschmutzung betreffen, in China gesperrt sind. Also kann ich momentan keinen Link zu dem Thema bieten).

Na und? Fahr Fahrrad!

Zurück zu „mir in Peking“ - mit dem Fahrrad in Peking herum zu fahren, ist sehr bequem und macht viel Spaß – trotz dem oben gesagten. Vor allem wenn man ein gutes Fahrrad hat und von jemandem geführt wird, der so gut orientiert ist wie Ines, ist man auf jeden Fall schneller als mit dem Auto. Breite Fahrradstraßen existieren noch von früher und werden einigermaßen respektiert. Wenn sie voll geparkt mit Autos sind, kann man immer noch die Autospuren oder Bürgersteige benutzen. Man muss nur auf die vielen anderen um sich herum aufpassen. Generell macht bis zu einem gewissen Grad jeder was er will. „Negotiated flow“ nennt Shannon das, eine Kollegin von Ines und ebenso Aktistin (zusammen betreiben sie „Smarter than a car“, eine Initiative um Radfahren in Peking zu verbreiten). Selbst wenn die Autos im Stau stecken, kann man sich mit dem Fahrrad zwischen ihnen durch schlängeln. Die Atmosphäre auf den Straßen ist zudem weniger aggressiv als in vielen europäischen Städten – Autofahrer sind meist ziemlich vorsichtig und fahren langsam, was beides daher rühren könnte, dass es für viele das erste Auto ist.

Nachts ist es am besten – deshalb organisiert Ines ab und zu Nachtfahrten. Wenn du also jemals nach Peking kommst, miete eine Fahrrad in Ines' Laden oder woanders und fahre nachts spazieren. Am Tag kann man sogar bis zur Chinesischen Mauer fahren, die ungefähr 50 km entfernt ist (ich habe es nicht gemacht, da es zum ersten Mal seit Monaten angefangen hat zu regnen und die Straßen voller öliger schwarzer Schmieren waren, als ich losfahren wollte).  Also keine Chinesische Mauer für mich.

Zurück zur Politik - was die Stadt tut, um Staus und Luftverschmutzung einzudämmen

Der Trend zu Autos und mehr Menschen in den Städten ist augenscheinlich ein Problem. Und abgesehen von fragwürdigen Maßnahmen wie dem Bau der 7. Ringstraße, unternimmt die Regierung einige starke Maßnahmen um gegen das Problem anzugehen. Die Benutzung Treibstoff betriebener Fahrzeuge wurde zum Beispiel durch Folgendes eingeschränkt:

  • Treibstoff betriebene Roller oder Dreiräder dürfen nicht in die Stadt einfahren (es ist so viel schöner nur Elektroroller beim Radfahren um sich zu haben)
  • Treibstoff betriebene Lkw dürfen nicht vor 22 Uhr in die Stadt (mein persönlicher Favorit)
  • an Tagen mit starker Luftverschmutzung dürfen jeweils nur Autos mit geraden oder ungeraden Zahlen auf die Straße (ich bin von dieser Maßnahme hinsichtlich ihrer Gerechtigkeit – reiche Menschen haben zwei Fahrzeuge – und ihrem Kosten-Nutzen-Verhältnis nicht so überzeugt. Mir wurde erzählt, dass manche Leute ihre Kinder einfach nicht zur Schule bringen wenn sie nicht fahren können)
  • begrenzte Zulassung neuer Kfz-Kennzeichen – man muss an einer Lotterie teilnehmen und kann erst ein neues Auto haben wenn man gewonnen hat
  • hohe Subventionen bei der Anschaffung elektrisch betriebener Lkw oder Autos

Besonders die Sperre von Lkw hat eine eindrucksvolle Methode der Warenlieferung in Peking und vielen anderen chinesischen Städten hervor gebracht, wie Shannon betont: Von jeder beliebigen chinesischen Stadt zur nächsten kann man Waren innerhalb von 24 Stunden liefern – von einem Knotenpunkt in der Nähe des Flughafen oder Bahnhofs aus läuft alles elektrisch betrieben mit kleinen E-Dreirädern; diese können in den schmalen Straßen gut manövrieren und verursachen vor Ort keinen Lärm oder Luftverschmutzung! (Nachdem ich mich in einem VCD Projekt die letzten zwei Jahre für nachhaltige Innenstadtlogistik und saubere Luft in EU-Städten eingesetzt habe, muss ich sagen, das ist bahnbrechend! Jede EU-Stadt die das kopiert würde mit Sicherheit die nächste Europäische Umwelthauptstadt werden!)

Radfahren und öffentliche Verkehrsmittel
Gleichzeitig investiert die Regierung in den öffentlichen Verkehr – angefangen mit zwei Metrolinien in 2002 gibt es jetzt 17. Das Pekinger Netz ist das verkehrsreichste und das zweitgrößte nach Shanghai – 10 Millionen Fahrten werden pro Tag angetreten, was ich grob auf einen modal share Anteil von 12,5% schätzen würde (wie üblich angenommen, dass jeder Bürger um die vier Fahrten pro Tag unternimmt; demnach kommen 20 Millionen Einwohner zusammen auf 80 Millionen Fahrten pro Tag, wovon 10 Millionen 12,5% sind).

Das Netz erfüllt jedoch nicht annähernd die Nachfrage und obwohl es bis 2020 noch weiter wachsen soll, sagen viele dass es schlecht geplant und im Zuge des städtischen Wachstums zu spät geplant wurde (Shanghai hat in diesem Sinne scheinbar etwas besser gemacht). Darüber hinaus hat die Stadt im März 2015 einen Testlauf gestartet, in dem Hunderte elektrisch betriebener Oberleitungsbusse verkehren.
Was die Radpolitik angeht dreht sich alles darum, den dramatischen Rückgang zu stoppen – von 62% in 1986 ist der Anteil auf 30% in 2005 und weiter auf 16% in 2010 gesunken.

Die Stadt engagiert sich zwar nicht in Rad-fördernden Kampagnen oder ähnlich starken Bemühungen darum, den Radverkehr zu stärken, hat aber immerhin 2012 ein neues öffentliches Fahrrad-Verleihsystem etabliert. Die erste Stunde ist umsonst! Das Mieten funktioniert bequem über die „Transport IC Card“, die auch für die Metro gilt. Nach meinem Eindruck ist die Anzahl an Rädern und Verleih-Stationen ziemlich hoch, an jeder zweiten Ecke. Trotzdem wird das Angebot nicht so ausgiebig genutzt wie in anderen Städten, die ich in der letzten Zeit bereist habe (z.B. Taipeh und Lyon). Auch online findet man nur wenig offizielle Informationen über das System.

Die Rad-Infrastruktur betreffend liegt die Hauptaufgabe in der Erhaltung de existierenden Netzwerkes von Radwegen und zu verhindern, dass diese durch parkende Autos blockiert werden. Außerdem braucht es, soweit ich gesehen habe, eine Strategie zum Fahrrad-Parken. Es gibt kaum gute Anlagen, was die Benutzung weniger angenehm und Diebstahl zu einem echten und nervigen Problem macht.
Zusammenfassend sollte die Stadt auf jeden Fall mehr tun, um Radfahren beliebter zu machen und sein Erbe einer reichen Radkultur zu bewahren. Dieser Job sollte nicht einfach leidenschaftlichen Aktivisten überlassen werden. Vergleicht man allerdings Pekings Maßnahmen für sauberere Luft , z.B. seine Investitionen in den öffentlichen Verkehr und die Regelungen zur Begrenzung Treibstoff betriebener Fahrzeuge in der Stadt, mit denen von EU-Städten, dann wünsche ich mir wirklich Letztere würden Pekings Tempo übernehmen.

Blogbeitrag von Wasilis von Rauch, ehem. Projektmanager European Biking Cities und VCD Bundesvorstand.